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Das Anderssein des Franziskus

10. August 2026
Das Anderssein des Franziskus

Artikel aus cap! Sommer 2026: Franz von Assisi lebte in einer Welt beängstigender Veränderungen. In dieser wagte er einen eigenen, einen anderen religiös-gemeinschaftlichen Lebensstil. Franziskus war Fremdling, Veränderer und wählte immer wieder „dazwischen“ unterwegs. 

Ein Blick zurück, rund 800 Jahre. Ein Blick in eine Zeit, in der Franz von Assisi lebte und wirkte. Die Welt ist im Umbruch, die Kulturen verändern sich. Es entstanden Städte und städtisches Leben; es vollzog sich langsam ein Wandel vom Tauschhandel zur Geldwirtschaft; neue Berufe und Gesellschaftsschichten etablierten sich; andere Formen des Ordenslebens entstanden. Last, but not least begannen Laien in der Bibel zu lesen, was ihnen seit dem fünften Jahrhundert verboten war. Die bibellesenden Laien begriffen: Gott ist anders als bisher verkündet worden ist.  
Analytisch liest sich das aus der Entfernung ermutigend und beruhigend. Doch wenn man selbst in diesem Wandel steckt und Federn lassen muss, dann ist dies eine Herausforderung, die Franz von Assisi damals angenommen und durchlitten hat. Ähnlich wird es Menschen gehen, die in 800 Jahren auf heutige Umbrüche und Krisen schauen werden. Fand nach 2000 wirklich eine Zeitenwende statt? 

Miterleben und mitgestalten 
Erleben und betrachten haben unterschiedliche Qualitäten. Franz von Assisi war mittendrin und nicht nur ein Zuschauer seiner Zeit. Er war ein Mitsucher und Mitgestalter – und oft ging es in die falsche Richtung. Da brauchte es stets wieder Kurskorrekturen. Franziskus gehörte einerseits zum neuen Bürgertum und war auch da ein Reformer, Veränderer und Neu-Ausrichter. 
Der Tuchhändler Franziskus erlebt mehrere Bürgerkriege in Assisi und kämpft selbst an der Front gegen die Adligen von Perugia. Als neureicher Bürgersohn zieht er mit Pferd und glänzender Rüstung stolz und siegesgewiss in die Schlacht. Doch der Adel verachtet diese neureichen Bürgersöhne und sieht die Konkurrenz ungern. Die Bürger von Assisi verlieren die Schlacht und Franziskus kommt in Kriegsgefangenschaft, denn für den Sohn des Pietro Bernardone kann man Lösegeld verlangen. Das ist das Privileg der Reichen und wichtig fürs Überleben. 
Der Gefangene Franziskus ist nicht nur ein gewöhnlicher armer Schlucker, Leibeigener, sondern ein freier Städter und Sohn eines internationalen Stoffhändlers, der neben seiner Muttersprache Französisch spricht und singt. Getauft war Franz auf den Namen Johannes des Täufers, doch als Frankreich-Reisender, Exporteur und Importeur nennt man ihn Franziskus. Franziskus, ein Ehrenname für die Stadt-Berühmtheit also. Schon der neu verwendete Name Franziskus weist auf ein Anderssein des reichen Tuchhändlers aus Assisi hin.

Kriegsgefangenschaft unter andern 
Wie lebt es sich in einem dunklen und schmutzigen Verließ im Perugia des 12. Jahrhunderts? Da gibt es keine Bediensteten und keine feinen Stoffe, keine frische Luft und auch wenig Licht; keine Einzelzelle und keine Menschenrechte für Kriegsgefangene. Auch die wunderbare Piazza (Hauptplatz von Assisi, wo man sich traf und flanierte) und die abendlichen Feste der bürgerlichen Stadtjugend sind fern. Im Gefängnis sind die Reichen nicht unter sich. Da leben auch Verbrecher, Umstürzler und dunkle Gesellen. Zusammengepfercht und in Angst vor Übergriffen, ohne Ablenkung und ohne Freiheit kommt man bei sich selbst an. 
Vielleicht – man muss spekulieren – gibt es in einem Gefängnis auch interessante Menschen. Gebildete Abweichler und Regimegegner werden bis heute gerne hinter Schloss und Riegel gehalten. Vielleicht begegnet da Franz von Assisi auch Menschen, die unerlaubt in der Bibel gelesen haben, die ihm von einem armen Jesus von Nazareth erzählen, der nicht weiß, wo er schlafen soll, der von den Römern, den Besatzern als Jude hingerichtet wird und nicht als römischer Kaiser von einem Kathedral-Portal seiner Zeit herunterschaut. Jesus als ein Gekreuzigter und nicht als ein Weltenherrscher. Wo war nun dieser Jesus zu finden, im reichen Palast seines Vaters oder im schmutzigen Verließ in Perugia? Franziskus wollte später diesem armen Jesus nachfolgen. Als minderer Bruder. 
Die Suche geht weiter 
Nach politischen Spielchen und Verträgen musste der Vater des Franziskus ein Lösegeld bezahlen und sein kriegsgefangener Sohn kommt frei; vermutlich mit körperlichen und psychischen Krankheiten. Franziskus steht zwischen den Fronten, er ist kein Adliger, hat einen reichen Vater – und Jesus von Nazareth war arm. Mag sein, dass er zuerst noch adlig werden wollte und sich auf Abenteuer einließ, doch wird nichts daraus. Weder Ehre noch Geld leiten sein Denken und Fühlen. 
Als erfahrener 24-Jähriger (mit 14 galt man damals als erwachsen) kommt 1205 bis 1206 eine Phase der Umkehr, des Anderswerdens und -fühlens. Interessant für das Verständnis dieser Veränderung, dieser Neuorientierung ist ein Text aus dem geistlichen Testament, das Franziskus kurz vor seinem Tod selbst verfasst hat. Darin schreibt Franziskus unter anderem davon, dass er Aussätzigen Barmherzigkeit erwiesen habe und durch solches Tun verändert wurde. Seine Wahrnehmung der Aussätzigen wurde anders. Er fühlte nicht mehr Ekel und Abscheu vor ihnen, sondern wurde zu den Kranken und Ausgeschlossenen hingezogen und lebte Barmherzigkeit – man erinnere sich an die sieben Werke der Barmherzigkeit, die oft an Kathedralwänden dargestellt wurden und oft noch zu sehen sind. 

Außenseiter anders wahrnehmen 
Während der Pest-Pandemie wurden vor 800 Jahren wie heute Menschen zur Sicherheit der Gesunden ausgegrenzt und isoliert. Aussätzige wurden aus der Stadt verbannt und mussten laut auf sich aufmerksam machen, damit niemand irrtümlich zu nahekam und sich ansteckte. Man fürchtet und verachtet die Aussätzigen. 
Manchmal wurde mit den lebenden Aussätzigen eine Beerdigung inszeniert und diese dann offiziell aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Vor den Stadtmauern baute man Anstalten für die Ausgeschlossenen. Ansonsten lebten Aussätzige mit anderen Außenseitern und Räubern in den Wäldern. 
Franz ist anders 
Franziskus veräußert seinen Reichtum; entfremdet sich seinem Vater und dem Bürgertum. Er wählt seinen Weg «dazwischen». Er lebt und betet draußen vor den Toren der Städte und predigt in der Stadt. Franz lernt ein neues Gottesbild kennen, lebt nach dem armen Jesus von Nazareth, will aber Teil der Papstkirche bleiben.   
Bis zu seiner  Umkehr ist er vor allem Bürger von Assisi, nachher ist er viel unterwegs und bleibt selten ein Jahr an einem Ort. Franziskanische Itineranz (Unterwegssein) nennt man das. Franz wird Bruder aller Menschen, gründet eine Brüdergemeinschaft; wird weder Mönch noch Einsiedler, vom Kaufmann reden wir schon gar nicht mehr.  
Auch in seiner eigenen Lebensgemeinschaft wird Franziskus ein Fremder. Er gibt seine Leitungsfunktionen ab und möchte durch sein persönliches Leben und seine Spiritualität Brüder und Menschen überzeugen. Bis heute ringen Franziskaner und Kapuziner mit den Lebensidealen eines Franz von Assisi. Der Heilige war und bleibt anders und ist damit immer auch eine Herausforderung. 
 
Kasten
Anders sein: Laien lesen in der Bibel  
Ab dem fünften Jahrhundert riet man den Laien ab, das Alte Testament zu lesen. Dabei gab es im Mittelalter nur wenige Menschen, die wirklich lesen konnten. Vor allem Kleriker und reiche Frauen lernten lesen. Mit dem Aufkommen von Händlern entstand es eine neue Schicht von Menschen, die lesen und schreiben konnte: Händler mussten fähig sein, Verträge zu lesen und zu verstehen, denn jede Stadt hatte eine eigene Marktordnung. So begannen im 12. und 13. Jahrhundert gebildete Laien in der Bibel zu lesen und diese selbstständig auszulegen. Nicht unbedingt zur Freude der kirchlichen Elite, die bisher das Deutungsmonopol innehatte. 
Die Päpste wiesen das Bibellesen der Laien noch zu Lebzeiten eines Franziskus zurück. 1199 untersagte Innozenz III. die Bibellektüre bei privaten Zusammenkünften. Auf der 1229 in Toulouse unter der Leitung Gregors IX. tagenden Synode wurde den Laien der Besitz des Alten und Neuen Testaments mit Ausnahme des Psalters und des Breviers (des Stundenbuchs) untersagt. 1234 erklärten die spanischen Bischöfe auf der Synode von Tarragona jeden zum Ketzer, der eine romanische Übersetzung der Heiligen Schrift besaß und diese nicht innerhalb von acht Tagen nach der Bekanntmachung des Dekrets zur Verbrennung ablieferte. Franziskus und seine Brüder haben trotzdem in der Bibel gelesen, sich an ihr orientiert und darüber gepredigt. 

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